Das Herz der Sierra Nevada – Von Independence nach Mammoth (Meile 789 bis 906)

Wir verlassen Bishop/Independence wieder über den Kearsage Pass zurück zum PCT. Für die nächsten 100 Meilen haben wir zehn Tage Essen pro Person im Rucksack. Wir glauben zwar, dass wir den Abschnitt aller Wahrscheinlichkeit schneller hinbekommen, aber es schadet nicht, in den Sierras zu viel dabei zu haben, falls wir einen Fluss nicht überqueren können oder aus sonst einem Grund umdrehen müssen.
Der Schnee ist schon vormittags sehr weich, daher schaffen wir es an dem Tag nur bis kurz vor den nächsten Pass: Glen Pass. Der ist zwar ’nur‘ ~3600m hoch, dafür hat er aber eine steile Eiswand, über die man drüber muss. In dieser Woche ist Kalifornien von einer wahren Hitzewelle erfasst worden. Während unten in Bishop 40 Grad Celsius herrschen, ist es sogar in der Nacht oben auf dem Pass nicht unter dem Gefrierpunkt. Obwohl wir Glen Pass früh morgens machen, ist der Schnee also weich und matschig. Was beim Hochgehen nervig ist, hilft dafür beim Abstieg und wir haben einige gute Rutschpartien auf dem Weg ins Tal. Am Nachmittag schaffen wir es nur ein Stückchen hoch zum Pinchot Pass, bevor wir an einen Bach kommen, der zumindest momentan unüberquerbar scheint. Das Wasser ist zu schnell und zu tief und falls man fallen würde, würde man in einen noch größeren Fluss unterhalb gespült werden. Wir entscheiden uns dafür, vor dem Bach zu zelten und darauf zu hoffen, dass das Wasser morgen früh niedriger ist. Weil es aber ja in der Nacht nicht friert, bleibt der Bach auch am Morgen noch vom Schmelzwasser angeschwollen und reißend. Unsere einzige Chance ist, uns noch weiter querfeldein bachaufwärts zu schlagen, als wir es gestern getan haben. Und tatsächlich nach 20min klettern, sehen wir eine relativ dicke Schneebrücke, die das ganze Gewässer überbrückt und über die wir uns drüber wagen. Pinchot Pass an sich ist zwar relativ hoch (knappe 3700m) und mit viel Schnee bedeckt, dafür aber nicht sehr steil. So ist die Überquerung ermüdend aber nicht sonderlich aufregend.
Auf der anderen Seite wartet im Tal wieder eine Flussdurchquerung, die wir aber, weil wir eine breite Furt durch den Kings River finden, problemlos meistern. Einmal unten im Tal geht es sofort wieder mit dem Anstieg auf den nächsten Pass los. Auf diese Weise machen wir nacheinander immer einen pro Tag: Kearsage Pass, Glen Pass, Pinchot Pass, Mather Pass (~3700m), Muir Pass (~3600m). Jedes mal müssen wir vor dem Pass meilenweit Schneefelder durchqueren und in den Tälern dazwischen Flüsse durchqueren. Wir schaffen meistens nicht mehr als 12-15 Meilen pro Tag, vor allem der Schnee verlangsamt uns enorm.

Jedes mal, wenn man einen Pass überquert eröffnet sich einem eine ganz neue Welt von Tälern und Blicken. So überqueren wir immer neue schneebedeckte Bergketten, die uns, bis wir auf dem Pass stehen, komplett verborgen waren. Bis zum Muir Pass treffen wir keine Menschenseele. Wir haben die Sierras ganz für uns allein, eine Seltenheit in dieser Jahreszeit, wenn man bedenkt, dass die Sierra Nevada quasi das Backpacking Mekka des bevölkerungsreichsten Bundesstaates sind. Erst auf dem Muir Pass treffen wir eine größere Gruppe PCT Hiker.
Nach dem letzten dieser Pässe treffen wir die Entscheidung, eine kleine Detour zu nehmen. Um den Bear Creek nicht überqueren zu müssen, verlassen wir an der Muir Trail Ranch den PCT und machen einen 13 Meilen Road Walk parallel zum PCT. Bear Creek soll nämlich, zumindest nach dem Letzten, was wir gehört haben, nicht überquerbar sein. In normalen Jahren ist das die härteste Flussüberquerung, was in diesem Jahr wohl bedeutet, dass man es am besten gar nicht versucht. So wie wir denken anscheinend auch fast alle der anderen wenigen Hiker, denn wir treffen die meisten von ihnen auf der Straße vor dem Vermilion Valley Resort (VVR), bei dem wir wieder auf den Trail stoßen.

Kurz vor VVR finden wir ein Schild am Straßenrand mit der Aufschrift „PCT Hobo Fest – no beer, no food, no fun“. Das klingt natürlich verdächtig stark nach Trailmagic, etwas, das wir mitten in den Sierras weit weg von der Zivilisation eigentlich nicht erwartet hatten. Trotzdem lassen wir uns die Chance natürlich nicht entgehen und wir folgen der Beschilderung in ein kleines Zeltlager. In 5 oder 6 Zelten mitten im National Forest übernachten ca. 10 ehemalige PCT Hiker und veranstalten ein regelrechtes Fest für die wenigen Hiker, die hier vorbeikommen. Alle 10 sind den Trail letztes Jahr gelaufen und sind von der gesamten Westcoast extra für das Hobo Fest angefahren. Hobos sind eigentlich Leute, die kein zu Hause haben und illegaler Weise auf Güterzüge springen, um im Land herumzureisen oder in immer verschiedenen Orten Arbeit zu suchen. Ähnlich wie Thruhiker also. Von der Gruppe werden wir begeistert empfangen und kriegen erstmal frischen Kaffee und Frühstück gekocht. Weil es uns dort so gut gefällt und es zudem umsonst ist, legen wir beim Hobo Fest erstmal einen Zero Day ein.

Von dort steht uns nur noch der Goodale Pass im Weg, bevor wir in Mammoth Lakes ankommen. Die 20 Meilen vom Pass bis nach Mammoth sind nämlich größtenteils schneefrei und führen fast nur noch bergab!
Als wir in Reds Meadow ankommen (ein Resort von dem man normalerweise einen Bus nach Mammoth nehmen kann), müssen wir aber leider feststellen, dass die Straße dorthin noch gar nicht vollständig geräumt ist. Also heißt es zu Fuß über den zum Glück niedrigen Mammoth Pass in den Ort laufen.

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2 Antworten

  1. Susanne sagt:

    Toller Bericht, super Fotos-wahrscheinlich war es noch einiges spannender – hoffe, Ihr habt weiterhin so viel Glück. Wenn Ihr irgendwann den Klamath River überqueren müsst – da müssten seit 8 Jahren irgendwo noch Antonias Sandalen stehen …

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