Midway Point – Von Sierra City nach Burney (Meile 1195 bis 1404)

In Sierra City gehen wir erstmal schnurstracks zum Burgerstand, der im selben Gebäude wie das kleine Lädchen ist. Sie scheinen auf hungrige Hiker vorbereitet zu sein, im Menü führen sie nämlich den sogenannten ‚Gutburster‘, ein Burger Monstrum mit einem ganzem Pfund Fleisch, einer riesigen Portion Pommes und einem Millshake. Da wir vor Hunger nicht mehr klar denken können, machen wir einen großen Fehler und bestellen den gleich zweimal. Zumindest Niki schafft zwar die ganze Portion, danach ist uns aber (natürlich) schlecht und den Rest des Tages können wir nicht mal mehr an Essen denken. In Sierra City dürfen Hiker hinter der Kirche zelten und in der öffentlichen Toilette sogar umsonst kalt duschen. Beides lassen wir uns nicht entgehen, vor allem weil wir mit den ‚Gutburstern‘ im Magen eh nicht mehr den steilen Anstieg aus Sierra City heraus schaffen würden.
Wir treffen hier auch die ersten Flip-Flopper, die uns entgegenkommen. So nennt man jene Hiker, die die Sierra Nevada nicht wie wir einfach durchquert haben, sondern weiter nach Norden ‚geflipt‘ sind, um die Sierras dann erst später in Angriff zu nehmen. Die meisten sind bis in den äußersten Norden von Kalifornien gefahren und laufen jetzt von dort südwärts bis in die Sierra Nevada. Hier sehen wir auf ein Mal viele bekannte Gesichter und es gibt jedesmal ein großes Hallo, wenn uns wer entgegenkommt, den wir noch aus der Wüste kennen, aber seit Wochen nicht mehr gesehen haben.
Die Landschaft wird jetzt mehr und mehr sanfter, je weiter wir die Sierras hinter uns lassen. Bewaldete Hügel bestimmen das Bild. Hin und wieder entdecken wir blaue Seen im Tal, wie versteckt zwischen den Bäumen. Schnee sehen wir so gut wie keinen mehr. Es ist zwar auch hier sehr schön, aber im Grunde könnten wir auch in einem beliebigen deutschen Mittelgebirge sein. Der große Unterschied ist nur die Einsamkeit und die Unberührtheit der Gegend, durch die der PCT hier führt. Die wenigen Dörfer, die es hier gibt, sind klein und liegen weit auseinander.
Weil die Berge nicht mehr ganz so hoch sind (die meisten Gipfel und Bergrücken sind immerhin noch um die 2000m hoch) können wir unser Tempo erhöhen. Jeden Tag machen wir jetzt mindestens 25 Meilen (40km). Auf diese Weise kommen wir schnell zum winzigen Belden, das wie Sierra City in einem engen und tiefen Tal liegt. Hier erwartet uns eine willkommene Auszeit vom Trail: kurz vor dem Mittelpunkt des PCT holen uns unsere Eltern in Belden mit dem Mietauto ab. Geplant ist ein kleiner Roadtrip an den Pazifik, den wir, obwohl der Trail seinen Namen trägt, noch nicht gesehen haben, und zu den berühmten Redwoods, den Mammutbäumen. Vier Tage lang genießen wir es, nicht Laufen zu müssen, täglich frisches Essen zu haben und in Motels mit Dusche und Bett zu schlafen. Dann werden wir wieder in Belden abgesetzt und setzen unsere Wanderung mit frischer Energie fort.
Zunächst aber müssen wir aus dem tiefen Tal auf der anderen Seite wieder raus klettern. Im Tal hat sich die Nachmittagshitze aufgestaut und der Trail bietet zunächst kaum schatten. Schon nach zehn Minuten Anstieg sind wir und unsere frisch gewaschene Kleidung komplett vom Schweiß durchnässt. Nach ca. acht Meilen haben wir die Hälfte des Anstiegs geschafft und beschließen an einem kleinen Bächlein im Wald unser Camp aufzuschlagen.
Am nächsten Morgen beim Frühstück treffen wir Annika und Julian. Das sehr nette junge Medizinerpärchen aus Würzburg, das gerade mit dem Medizinstudium fertig ist und zudem frisch verheiratet ist, haben wir seit fast 1000 Meilen nicht mehr gesehen. Von anderen haben wir zwar gehört, dass auch sie durch die Sierras gegangen sind und irgendwo hinter uns sein müssen, aber es ist dennoch eine freudige Überraschung, als wir sie den Trail hochkommen sehen. Wir haben ein sehr ähnliches Tempo und bis nach Burney laufen wir uns mehrmals täglich über den Weg.
Am dritten Tag nach Belden erreichen wir einen wahren Meilenstein des PCT: bei Meile 1320 (2112 km) steht der ‚Midway Post‘, der aber eigentlich nicht viel mehr als ein Pföstchen ist. Nach fast drei Monaten haben wir die Hälfte unseres Weges geschafft. Dennoch hält sich unsere Euphorie seltsamer Weise in Grenzen und wird auch schnell von dem Gedanken überschattet, dass wir ja nochmal 1320 Meilen laufen müssen! Zudem fühlt sich nach der sengenden Wüstenhitze, den 4000 Meter hohen schneebedeckten Pässen und den angsteinflößenden Flussüberquerungen der Nadelwald, durch den wir jetzt trotten, einfach nicht mehr so abenteuerlich an. Vom älteren Herren, der schon vor uns am Pfosten war und uns auch gleich überschwänglich gratuliert hat, lassen wir uns mehr gezwungen als gewollt fotografieren. Danach geht’s zügig weiter Richtung Norden, denn wenn wir wenigsten bald mal aus Kalifornien herauskämen (Meile 1689), wird sich unsere Stimmung sicherlich wieder aufhellen.
Am Tag danach durchqueren wir den Lassen National Park. Der weiß gekrönte 3189 m hohe Mt Lassen ragt direkt neben uns auf, während wir an stinkenden Schwefelseen und dampfausstoßenden Löchern im Boden vorbei wandern. Wir kommen uns vor, wie auf einem Trip in der Hölle. Mt Lassen selbst ist nämlich ein Vulkan und um ihn herum lassen sich noch vulkanische Aktivitäten beobachten.
Der Trail ist in und nach Lassen NP extrem flach und so fliegen wir quasi zu unserem nächsten Resupply-Stopp in Burney. Weil wir ja schnell nach Oregon wollen, verbringen wir die Nacht nicht hier, sondern hitchen noch am selben Tag wieder zurück zum Trail.

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