The End – Von White Pass nach Manning Park (Meile 2292 bis 2650)

Gegen 10:00 Uhr vormittags laufen wir in White Pass ein. Oben auf dem Pass befindet sich nur ein kleiner General Store, zu dem wir aber ein Verpflegungspaket vorausgeschickt haben. Der Store ist der Hikertreffpunkt und hier treffen wir ein weiteres deutsches Bruderpaar, das auch thruhiked. Wir haben zwar immer gehofft, das wir die einzigen German Brothers wären, schon länger haben wir aber von den beiden anderen Brüdern gehört, die immer etwas vor uns waren. Wir verbringen den ganzen Tag im Store und unterhalten uns mit den anderen Hikern. Am Nachmittag kommt auch ein alter Bekannter herein geschneit: Es ist Spiker, der 63-Jährige, den wir schon früh in der Wüste kennengelernt hatten und mit dem wir die ersten 100 Meilen der Sierras durchquert haben. Das gibt natürlich ein großes Hallo und wir müssen uns erstmal gründlich über die letzten drei Monate austauschen. Spiker wurde nach Burney von einer giftigen Spinne gebissen und musste wegen der entzündeten Wunde sogar einen Nachmittag ins Krankenhaus!
Am Abend verlassen wir White Pass wieder, um noch einen geeigneten Campspot aufzutreiben. Es sind vier Tage bis nach Snoqualmie Pass, einem kleinen Skigebiet auf dem Trail. Am ersten Tag betreten wir Mt Ranier National Park. Wir stehen jetzt quasi direkt vor diesem gewaltigen Berg, der die gesamte Landschaft dominiert. Leider ist die Sicht sehr diesig und man sieht fast nur die Umrisse des Bergriesen. Nachmittags kommen wir an einem sehr großen Bergsee vorbei und wir lassen uns die Schwimm-Gelegenheit nicht entgehen. Kurz nach dem See sehen wir einen Bären, der ca. 30m vom Trail entfernt in den Büschen sitzt. Von uns fotografierenden Hikern scheint er aber noch nicht mal Notiz zu nehmen, er isst einfach weiter seine Huckleberrys. Am Abend überqueren wir eine schmale Passstraße und wir haben Glück. Es ist nämlich Sonntag und das Wochenende verspricht bei solchen Straßen oftmals Trailmagic. So auch heute: Daniel steht am Trailhead und kocht den PCT Hikern hervorragende selbstgemachte Tacos. Bier und Eiscreme gibts natürlich auch und wir sind uns einig: das war eine der besten Trailmagics des ganzen Trails. Voll mit Bier und Tacos müssen wir uns noch vier Meilen bergan zu einem weiteren See mit Campsite kämpfen.
Als wir am nächsten Tag aufwachen ist es sehr rauchig. Ein Waldbrand ganz in der Nähe hat die kleine Passstraße hinter uns zu hälfte gesperrt, der PCT ist aber noch offen. Weiter geht’s also durch den Rauch. Man sieht wenig und ab und zu regnet es sogar Asche auf uns herab. So machen wir ereignislose 27 Meilen (43 km) und campen direkt vor einer Forststraße.
Am morgen danach ist es noch schlimmer. Es regnet wieder Asche, es riecht verbrannt und im Osten sieht es so aus, als würde die Welt untergehen. Dichte Rauchschwaden bedecken den Himmel, die Sonne hat kaum ein Durchkommen. Je weiter wir aber laufen, desto weiter weg kommen wir auch vom Feuer. Nach 26 Meilen ist die Luft schon wieder deutlich klarer geworden.
Dann sind wir auch schon in Snoqualmie, wo wir den Tag damit verbringen, die Akkus aufzuladen, im Internet zu surfen und vor allem viel Eis und Pizza zu essen. Wir erfahren, dass man den PCT wegen dem Waldbrand quasi direkt hinter uns geschlossen hat. Hiker, die nur einen Tag nach uns aus White Pass gestartet sind, haben es schon nicht mehr hindurch geschafft und mussten nach Snoqualmie hitchen. Wir brauchen nicht viel Verpflegung, nach Stevens Pass sind es nur gute zwei Tage und dort haben wir unser letztes Paket aus Ashland hingeschickt. Die zwei Tage haben es aber in sich, wie wir bald bemerken. Zusammengerechnet machen wir jeden Tag über 2000 Höhenmeter. Der Trail klettert immer unten von einem Tal hoch auf einen Bergkamm, nur um sofort wieder in das nächste Tal abzusteigen. So fallen wir immer schon nach 25 Meilen (40 km) erschöpft ins Zelt. Nach zweieinhalb Tagen haben wir es aber trotzdem geschafft. Stevens Pass besteht lediglich aus einem Skilift, der Mountainbiker samt Bike auf den Berg fährt und einem Restaurant. Gut dass wir hier das Paket haben, für einen Resupply müsste man wohl in die nächste Stadt hitchen. So können wir noch am selben Tag direkt weiter wandern.
Der nächste Abschnitt soll dann einer der schönsten in Washington sein. Es geht durch die Glacier Peak Wilderness. Der Trail umrundet einmal die markant aufragende Glacier Peak, die namenstreu über und über von Gletschern bedeckt ist. Es geht teilweise hoch bis über die Baumgrenze hinaus und am ersten Tag haben wir tolle Blicke auf die schroffen Felswände und die tiefen Täler, die Glacier Peak umgeben. Zusammen mit weiten, grünen Alpenwiesen und hin und wieder entzückend klaren Seen ergibt sich eine wunderschöne alpine Idylle. Weiterhin zeigt sich Washington aber auch von seiner harten Seite. Der Trail kennt auch hier nur zwei Modi: steil hoch oder steil runter.
Am zweiten Tag in der Glacier Peak Wilderness umgibt uns wieder der inzwischen vertraute Geruch von verbranntem Holz. Ungünstiger Wind treibt den Rauch von einem Waldbrand in unsere Richtung und vernebelt uns wieder die Sicht. Was uns die Blicke nimmt, kann uns aber nicht die Entschlossenheit nehmen und so stapfen wir weiter Richtung Canada.
Nach weiteren zwei Nächten kommen wir morgens in Stehekin an. Das ist zwar nur ein winziger Ort, aber es ist so ziemlich der letzte auf dem PCT und er hat eine legendenumwobende Bakery, von der schon auf den ersten Meilen des Trails gesprochen wird. Vom PCT fährt viermal pro Tag ein Bus nach Stehekin. Da die Bakery zwei Meilen vor dem eigentlichen Dorf liegt (was aber sowieso nur aus einem winzigen General Store und einem Restaurant besteht), hält der Bus jedesmal für 10 Minuten vor der Bakery an, damit sich alle schnell mit süßen Sticky Buns und Cinnamon Rolls eindecken können. ‚Mandatory Bakery Stopp‘ nennt es unser Busfahrer. Mit gefüllten Croissants, Küchlein, Kuchen und allerlei anderen Köstlichkeiten ausgestattet gehts weiter zum Dorf. Stehekin nennt sich zwar selber ‚hiker friendly‘, aber wir können das nicht bestätigen. Man fühlt sich als PCTler eher als ein ungebetener Störenfried. Überall hängen Schilder, auf denen zwar ‚Welcome PCT-Hiker‘ steht, aber dann lauter Dinge auflisten, die speziell wir nicht machen dürfen. Resupply Boxen dürfen nicht vor dem Store geöffnet werden, vor dem Restaurant darf man nicht während der Lunch und Dinner Zeiten sitzen und fürs Wifi muss man 15$ bezahlen. Immerhin ist das Camping hinter dem Visitor Center gratis.
Als wir zum Post Office gehen um unsere Pakete abzuholen, erleben wir auch noch eine böse Überraschung. Unser Verpflegungspaket ist zwar angekommen, aber das Paket mit Fredis neuen Schuhen nicht! Amazon sagt zwar, es sei abgeliefert worden, das Post Office hat es aber nicht. Der Postmaster sagt uns noch, dass wir in drei anderen Stellen im Dorf nachgucken sollen, weil UPS Pakete manchmal dort abgeworfen werden (vor den Toiletten im Visitor Center, unter der Veranda des Restaurants und in einer Bear Box), aber wir haben keinen Erfolg. Dort liegen zwar tatsächlich Päckchen für andere Hiker, unseres ist aber nicht dabei. Wir geben uns geschlagen und umwickeln Fredis Schuhe, die schon halb auseinander fallen, behelfsmäßig mit Panzertape.
Am nächsten Morgen nehmen wir den ersten Bus zurück zum Trail, decken uns an der Bakery noch mit zwei Lunches ein und machen uns an die letzten 90 Meilen des Trails. Es geht zunächst durch den North Cascades National Park und wir folgen fast den ganzen Tag einem Flusslauf hinauf bis wir kurz vor dem Cutthroat Pass eine Campsite entdecken.
Den Tag darauf ist das Wetter schlecht. Es ist windig, kalt und ab und zu regnet es sogar, etwas das wir überhaupt nicht mehr kennen. Das letzte Mal, das wir Regen hatten, war vor ca. 1200-1300 Meilen! Auf den extrem nassen Winter folgte hier an der West Coast ein extrem trockener Sommer, ein Grund für die vielen Waldbrände in Oregon und Washington. Dafür folgt der Trail den meisten Tag lang schroffen Bergkämmen und wir haben tolle Blicke zu allen Seiten. Wolken werden vom Wind über Täler und Pässe getrieben und verstecken immer wieder die Berggipfel im nassen grau, nur um sie in der nächsten Minute wieder hervorzuzaubern. Weil wir die meiste Zeit so hoch oben sind, kommen wir an nur wenigen Wasserquellen vorbei und so sind wir froh, dass wir gegen Ende des Tages einen Fluss finden, an dem wir unser Zelt aufschlagen können.
Der Tag danach hat dann noch einiges für uns auf Lager. Das Wetter ist aber wieder schön und der Trail führt weiterhin durch eine Berglandschaft, die vielleicht sogar die schönste des ganzen PCT ist. Wir müssen über viele Pässe rüber, die zum Glück alle nicht viel höher als 2000 m sind. Wir beenden den Tag schließlich 3,5 Meilen vor der kanadischen Grenze.
Wieder wird es eine kalte Nacht und obwohl wir jetzt direkt vor unserem lang ersehnten Ziel stehen, dem wir die letzen 136 Tage entgegengelaufen sind, können wir uns erst gegen 7:30 überwinden und unsere Schlafsäcke verlassen. Der Trail erreicht Kanada in einem kleinem Talkessel in dem es auch um halb zehn noch saukalt ist. Wir sind die einzigen am Monument, das den Northern Terminus des Pacific Crest Trails markiert. Auf dem kahlgeschlagenen Grenzstreifen stehen einige Pfeiler, auf die jemand zwei kleine Flaggen gesteckt hat. Auch ein Trailregister findet sich, indem wir uns eintragen. Weil es so kalt ist, bleiben wir nicht lange dort. Schnell ein paar Fotos und weiter geht es noch 12 Meilen nach Kanada hinein bis zum nächsten Highway. Wir fühlen uns erschöpft und ausgelaugt, sind aber sehr glücklich, dass wir es geschafft haben, Kanada zu erreichen.

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5 Antworten

  1. Bettina sagt:

    Ihr habt es geschafft! Herzlichen Glückwunsch! Eure anschaulichen Berichte, eindrucksvollen Bilder und amüsanten Videos werden mir fehlen!

  2. Ingrid sagt:

    Habe eure Abenteuer genüsslich verfolgt….highlights…mit Gute-Laune-Garantie. Visuell wie literarisch klasse. Gute Heimreise!

  3. Mathias sagt:

    Gratuliere euch zweien. Habe auch immer wieder mit Spannung reingeschaut. Ich bin selber grad in China auf meiner Reise von der Schweiz nach Singapur mit dem Fahrrad. Mein Plan ist es, evt auch den PCT zu wandern nächstes Jahr und dann mit dem Fahrrad weiter…mal schauen.

  4. Susanne sagt:

    Herzlichen Glückwunsch und willkommen zurück

  5. Großartig! Herzlichen Glückwunsch!

    Habe Euch ein wenig verfolgt. Klasse Sache!

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