Hiker Heaven und die Andersons – von Wrightwood nach Casa de Luna (Meile 369 bis 478)

Mit viel Wildnis und Natur hatten wir gerechnet, um so merkwürdiger kommt es uns, vor als wir durch das Tor nach „Hiker Heaven“ schreiten. Ein Haufen Wanderer sitzt verteilt im Garten und auf der Terasse der Saufley’s. Wir werden sofort mit einem herzlichen Hilker-Hug von Rick begrüßt, den wir die letzen zwei Wochen nicht mehr gesehen haben. Ein Volunteer, ein ehemaliger PCT-Hiker, führt uns vom Regal, in welchem hunderte Resupply-Pakete stehen, zu einem Zelt, in welchem man sich Klamotten borgen kann, während man seine Wäsche waschen lässt. Daneben findet sich ein kleiner PC-Pool, ein Kühlschrank mit gekühlten Getränken und eine Dusche mit Warteliste. Eine voll ausgestattete Küche und eine bequeme Couch mit Fernseher ist ebenfalls vorhanden.
Nach dreimal 24 Meilen hintereinander ist diese Hikeroase tatsächlich ein Wandererhimmel für uns. In den letzten drei Tagen mussten wir uns mir Tageswanderer aus Los Angeles rumschlagen (wir waren so nah an L. A., dass wir die Skyline von Downtown sehen konnten), wurden von ca. 7 lustigen Japanern in einem vollen VW Bus mitgenommen und hatten einen traumhaft schönen Campingplatz auf einem Bergrücken ganz für uns alleine.
Der Tag nach Wrightwood war ein Sonntag und uns trennten nur wenige Kilometer von L. A., was bedeutet, dass der sonst zwar nicht einsame aber doch abseits gelegene PCT total überfüllt war. Jede halbe Meile mussten wir anhalten um Day Hiker vorbeizulassen, die dann uns dann auch noch immer gefragt haben, ob wir den sagenumwobenden ‚Pacific Trail‘ laufen. Das ist zwar nett, aber auf die Dauer eben auch nervig, weil es das Vorankommen doch arg behindert.
Wegen einer gefährdeten Froschart ist der PCT dann auch noch für 3 Meilen über eine Strasse umgeleitet. Da auf dieser kurvigen Bergstrasse hauptsächlich Motorräder durch rasen, stellen wir uns schon auf einen nervtötenden und gefährlichen Road Walk ein. Unser Hitching Glück hat uns aber immer noch nicht verlassen und schon nach einer Kurve hält ein VW Bus in einer Einbuchtung und winkt uns zu sich. Als wir versuchen einzusteigen, muss sich für uns erstmal eine kleine Reisegruppe von Japanern zusammenquetschen, um Platz zu machen. Der Fahrer ist anscheinend der Reiseleiter: er kennt den Zeltplatz, ab dem der PCT wieder begehbar ist und erklärt den anderen, dass wir zwei Wanderer sind, die von Mexiko bis nach Kanada laufen wollen. Dies und die Fragen, wie lange wie schon unterwegs sind (about 23 days) und ob sich in unsere kleinen Rucksäcken auch Schlafsäcke und Zelt befinden (Yes, we’ve got a sleeping bag and a tent inside that), ernten bewundernde japanische ‚ooooohh’s von der ganzen Gesellschaft. Nachdem wir von dieser klassen Truppe wieder rausgelassen worden sind, laufen wir noch fünf Meilen bevor wir an einem kleinen Bächlein zelten.
Der nächste Tag führt durch viele verbrannte Landschaft. Es gibt nur zwei Wasserquellen unterwegs und lange Zeit so gut wie gar keinen Schatten. Nach 22 harten Meilen kommen wir endlich in einem Tal an eine Ranger Station, die einen Wasserhahn für die PCT Hiker installiert hat. Von oben hatten wir allerdings schon einen vielversprechenden Campingspot auf dem nächsten Bergkamm ausgemacht und wir beschließen, die kühlen Abendstunden noch für den Anstieg dahin auszunutzen. Als wir oben ankommen, sehen wir sofort, dass es sich gelohnt hat. Auf dem Kamm steht eine beeindruckende Steinformation, von der man einen super Blick auf das Tal hat, welches uns an drei Seiten umschließt. Dahinter sehen wir weiter Berge, so weit das Auge sieht. Den Kamm haben wir ganz für uns alleine und wir breiten unsere Isomatten auf den Steinen unter dem Steinturm aus. Während wir unser Abendessen kochen und uns die Abendstille der Wüste umfängt, dürfen wir einen spektakulären Sonnenuntergang beobachten, der dem in berühmten Santorini in nichts nachsteht. Wir mummeln uns in unsere Schlafsäcke und sehen beim einschlafen die Sterne über uns aufgehen.
Zurück zum Hiker Heaven in Agua Dulce: nachdem wir geduscht haben und unsere Wäsche für uns gewaschen wurde, nehmen wir das nächste Shuttle in die Stadt. Stündlich fahren die Freiwilligen, die den Laden schmeißen, die Hiker in einem alten Pick-Up Truck hin und her. Mit Andrew und Cathrine gehen wir eine Pizza essen und kaufen noch Frühstück für den nächsten Morgen bevor wir wieder zurück fahren. Den Abend verbringen wir im Heaven und trinken mit zwei anderen Deutschen ein Bierchen, bevor uns erschöpft aufs Ohr hauen.
Am nächsten Tag wird es voll. Es waren offensichtlich viele Hiker direkt hinter uns und wir sehen viele bekannte Gesichter. Weil man auf dem Trail meistens alleine ist, merkt man immer erst in den Städten, wie voll der Trail tatsächlich ist. In dieser Nacht schlafen 57 Hiker im Hiker Heaven! Als wir vom Einkaufen wieder mit dem Shuttle zurück wollen, passen gerade so alle in den Truck. Eine Zählung beim Aussteigen wird ergeben: es passen 23 Hiker und einige Rucksäcke und Einkaufstüten in einen Pick-Up! Auf der Ladefläche hinten sitzen wir wie Sardinen zusammengedrückt, immerhin braucht man so auch keinen Sitzgurt!
Das heisse Thema an diesem Abend ist die sogenannte 24x24x24 Challenge. Es gibt nämlich noch einen Trailangel genau 24 Meilen vom Heaven und die Herausforderung ist, diese 24 Meilen in 24 Stunden zu laufen und dabei 24 Biere zu trinken! Obwohl viel und gern über die beste Strategie debattiert wird (erst alle Biere trinken, weil man sie dann nicht schleppen muss, die Biere erst nach dem Wandern trinken oder doch lieber 12 am Anfang, 12 am Ende?), versuchen sich nur sehr wenige tatsächlich an der Challenge. Wir sind (latürnich) nicht darunter.
Die 24 Meilen machen wir dafür locker am nächsten Tag. Es ist nämlich bewölkt, nebelig und zumindest für die Wüste sehr kalt. Perfektes Hiking Weather also! Als wir an der Strasse ankommen, die nach Casa de Luna zu den Andersons führt, wartet schon ein Trailangel direkt am Trail auf uns. Crash, der uns vorher überholt hatte, hat uns schon angekündigt und sitzt auch schon im Auto. Bei den Andersons sitzen dann bereits ca. 30 Hiker auf Sofas und Klappstühlen. Zelten darf man in einem Labyrinth aus Wegen in einem Wäldchen hinter dem Haus. Der dichte Wald sieht sehr verwunschen aus und überall sieht man von Hikern bunt bemalte Steine halb versteckt hinter den Bäumen hervorragen.
Als Abendessen gibt es Taco Salad, aber auch ein paar sehr strenge Regeln: man muss ein Hawaii-Hemd tragen, vor dem Essen gründlich Händewaschen, der Pappteller darf auf keinen Fall über dem Topf gehalten werden sondern nur daneben und das Essen auf dem Teller darf sich nicht türmen, damit nichts runterfällt. Falls man dagegen verstößt kriegt man einen Klapps mit dem Holzstab von Frau Anderson. Voll gegessen und mit einem gratis Bierchen angeheitert wird dann die Musik aufgedreht. Jeder muss vor allen anderen etwas vortanzen und bekommt dafür eine Bandana mit der Aufschrift ‚PCT Class of 2017‘. Da Frederik seine alte Bandana in Wrightwood verloren hatte, ist er der erste, der vortanzt. Mit Applaus darf er seine Bandana entgegen nehmen. Nachdem auch Niklas ein paar als ‚German Dancemoves‘ bejohlte Moves raushaut, machen wir uns daran, im Labyrinth unser Zelt wieder zu finden und hauen uns aufs Ohr.

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3 Antworten

  1. Tante sagt:

    Ihr seid ja nah an Mama dran; Ihr müsst sie Grüßen – ich lese ihren Blog. Lasst es Euch weiter gut gehen.

  2. Tobias Richter sagt:

    Immer interessant, wie sich die Thruhiker als was besseres fühlen und über die – aus ihrer Sicht – weniger wichtigen Dayhiker auslassen. Tolle Helden seid ihr.

    • nikfred sagt:

      Wir fühlen uns nicht als was besseres, es ging uns nur um die Fülle des Trails! Wenn uns beispielsweise ständig Southbounder entgegenkommen würden, fänden wir das genau so nervig.

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