Mt Whitney und Forrester Pass – Von Kennedy Meadows nach Independence (Meile 701 – 789)

Bevor wir uns in die Sierra Nevada wagen, brauchen wir noch ein paar mehr Ausrüstungsgegenstände. Zunächst hatte sich Frederik schon von Tehachapi aus neue Schuhe nach Kennedy Meadows geordert. Sein alten hatte er die ganzen ersten 700 Meilen des Trails getragen. Für diese Strecke sieht das Paar zwar noch unverschämt gut aus, das Profil ist aber doch schon arg abgenutzt. Abhängig Person und Schuh halten Trailrunner wie wir sie tragen zwischen 500-600 Meilen, bevor sie durchgelaufen sind oder einfach auseinander fallen.
Vor allem aber brauchen wir für die nächsten 300 Meilen bärensichere Tonnen, in denen wir über Nacht unser Essen aufbewahren müssen. Sogenannte Bear Canister sind Pflicht in den National Parks, durch die der Trail durchläuft. Vor allem im Yosemite National Park gibt es viele Ranger, die den Park patrouillieren und Besucher auf Bear Cans kontrollieren. Ein Bear Canister selber ist einfach nur eine stabile blaue Plastiktonne mit einem Drehverschluss, den ein Bär nicht aufbekommen kann. Da die einzelnen Modelle von den National Parks aber extra genehmigt werden müssen, kostet der Spaß 80 $ pro Canister. In der Nacht soll man seinen gefüllten Bear Canister dann einige Meter weit weg von seinem Zelt hinstellen. So soll sich dann ein hungriger Bär an den nach Essen schnuppernden Canistern probieren und nicht an den Menschen im Zelt. Trotzdem ist die Bear-Canister-Pflicht eigentlich zum Schutz der Bären da. Sollte ein Bär nämlich lernen, dass man bei Menschen Essen finden kann, kann es sein, dass dieser erschossen werden muss und genau das soll ein Bear Canister verhindern. Da ab Kennedy Meadows alle PCT Hiker einen Bear Canister brauchen, hat der General Store auch welche im Angebot.
Füllen tun wir unsere Canister mal wieder mit Essen aus der Hikerbox. Wir schon in Warner Springs (Meile 109) senden sich viele Hiker per Post Verpflegung nach Kennedy Meadows und geben Überschüssiges in die Hikerbox.
Das Einzige, was uns dann noch fehlt, sind Eisäxte. Die bekommen wir im gerade neu aufgemachten Triple Crown Outfitter gegenüber vom Café. Größtenteils wohl ein Onlineversand für Long Distance Hiker verkauft Yogi während der Hiker Saison in Kennedy Meadows bisher noch aus ihrem Wohnzimmer heraus vor allem Eisäxte, Steigeisen und Bear Canister an PCT Hiker. Wir nehmen zweimal das billigste und leider auch das schwerste Modell, was sie auf Lager hat. Mit Bear Can und Eisaxt (Microspikes bzw. Grödel haben wir schon) sind unsere Rucksäcke ca. 1,4 kg schwerer geworden. Dafür müssen wir aber ab jetzt nicht mehr 5 oder sogar 6 Liter Wasser rumschleppen, denn Wasser wird es in den Sierras überall zu Hauf geben!
So für die immer noch tief verschneite 4000er Bergkette ausgerüstet, machen wir uns an unserem dritten Morgen in Kennedy Meadows mit Andrew, Pipes und Spiker auf dem Weg.
Viele Hiker wollen wegen dem Rekordschneejahr die Sierras überspringen oder auslassen. Diejenigen, die trotzdem durch gehen wollen, suchen sich meistens eine Gruppe, mit der sie zusammen die Durchquerung wagen. Wir tuen uns mit den drei oben genannten zusammen. Spiker und Andrew sind uns in den letzten 300 Meilen schon immer wieder über den Weg gelaufen, wir haben also ein ähnliches Wandertempo, und Pipes haben wir das erste mal vor Tehachapi getroffen. Wir alle wollen in Independence einen Resupply machen und so haben wir beschlossen, uns zusammen zu tuen.
Spiker ist 63 Jahre alt und ein sehr erfahrener Wanderer. Tatsächlich hat er den PCT schon einmal 1977 vor genau 40 Jahren gemacht und als seine Tochter den Trail vor zwei Jahren lief, hat er auch nochmal Lust darauf bekommen.
Andrew ist ein sehr bedächtiger 22 jähriger aus Texas, der hier auf seinem ersten Backpacking Trip überhaupt ist und von seiner Mutter immer riesige, fürsorglich verpackte Verpflegungspakete geschickt bekommt.
Pipes (oder @inotherwoods auf Instagram, wir sind vielleicht auch auf ein paar Bildern!) ist eine 30 jährige Marketingfrau mit ausgiebiger Backpacking Erfahrung. Sie hat früher sogar Kurse fürs Schneewandern gegeben und startet jetzt ihre eigene Firma für dehydrierte Outdoormahlzeiten. Von den Prototypen, die sie selbst schon auf ihrem Hike isst, dürfen wir alle immer etwas probieren. Die perfekte Begleiterin in den Sierras also.
Die ersten zwei Tage nach Kennedy Meadows sind noch größtenteils schneefrei. Mit unserer Truppe sprechen wir uns zwar ab, wo wir campen wollen, abgesehen von den Pausen laufen wir aber zunächst meistens alleine. Erst wenn wir richtig in den Schnee kommen oder vom Schmelzwasser gefährlich angeschwollene Bäche überqueren müssen, werden wir dichter zusammen bleiben.
Langsam aber stetig arbeiten wir uns hinauf in die sogenannten High Sierras. Über mehrere hundert Meilen wird der Trail nur noch selten unter 3000 m sinken. Die karge Wüstenvegetation, die schon vor Kennedy Meadows auf dem Rückzug war, verschwindet jetzt endgültig. Luftige Nadelwälder und weit ausschweifende grüne Bergwiesen dominieren zusammen mit grauem Gestein die Landschaft. Besonders entzücken uns die größeren Flüsse und die vielen kleinen Bäche, die sich die steilen Abhänge hinunterstürzen. So viel Wasser auf einem Fleck haben wir schon sehr lange nicht mehr gesehen.
Unsere erste Nacht verbringen wir immerhin schon auf 2700 Meter Höhe. In der zweiten Nacht seit Kennedy Meadows befinden wir uns auf 3100m und in der dritten auf 3500m über NN. So können wir uns langsam an die dünne Höhenluft gewöhnen, so gut trainiert wie wir inzwischen sind, haben wir damit aber keine größeren Probleme.
Am dritten Tag beginnen wir, wirklich in den Schnee zu kommen. Einen guten Teil des Nachmittags verbringen wir damit, über Schneebänke zu stapfen und zu rutschen, während wir dabei versuchen den Trail, der immer wieder nur kurz unter dem Schnee auftaucht, nicht aus den Augen zu verlieren. Ohne die GPS Daten auf unseren Handys wäre das eine echte Herausforderung. So genügt ein kurzer Blick aufs Handy um festzustellen, in welcher Richtung der Trail liegt.
In der Nacht auf den vierten Tag wird es oben auf 3500 Meter richtig kalt. Das kleine Thermometer an Spikers Rucksack zeigt um 20:00 -7 Grad Celcius an, die Nacht wird noch kälter gewesen sein. Zum Glück haben wir einen windgeschützten Platz hinter einer einen Meter hohen Schneeverwehung gefunden, so bleiben wir wenigsten halbwegs warm. Als wir am Morgen aufwachen, entdecken wir, dass es sogar noch 2 cm Neuschnee gegeben hat. Gegen 6:00 stehen wir auf und bauen frierend unser Zelt ab. Die Luft ist eisig kalt und kristallklar. Wegen der Kälte fangen wir schnell an zu wandern und bleiben in Bewegung, bis die Sonne hoch genug geklettert ist, um uns ein bisschen aufzuwärmen.
Das Tagesziel ist Crabtree Meadow unterhalb von Mt Whitney, dem mit 4421 Meter Höhe höchstem Berg in den Kernstaaten der USA. Der PCT geht nur 8 Meilen vom Gipfel westlich am Mt Whitney vorbei und die Chance, diesen Berg zu besteigen, wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen! Wegen der Schneelage, sind wir uns zunächst unsicher, ob wir mit unseren Micro Spikes und den Eisäxten überhaupt gut genug ausgerüstet sind, oder ob man richtige Kletterausrüstung und weitergehende Bergsteigerkenntnisse braucht, um den Aufstieg zu wagen. Crabtree Meadow ist quasi das Basecamp für alle PCT Hiker, die Whitney machen wollen, und nachdem wir dort nach anstrengenden 15 Meilen fast nur durch Schnee angekommen sind, kommen wir schnell mit zwei Tschechen ins Gespräch, die gerade vom Gipfel zurück kommen. Sie versichern uns, dass die kritischen Stellen alle schneefrei sind und man tatsächlich weder Eisaxt noch Spikes braucht.
Um 5:00 früh am nächsten Tag machen wir uns dann also mit einem leicht gepackten Rucksack und unserer Truppe auf den Weg. Die Zelte lassen wir unten stehen, wir müssen schließlich denselben Weg wieder zurück. Tatsächlich ist der Schnee, auf den wir beim Aufstieg treffen, zwar nervig, jedoch keineswegs gefährlich. Die Westseite, von der wir kommen, hat nur zu beginn ein paar flache Schneefelder. Zumindest von dem, was wir sehen können, scheint der Aufstieg vom Osten her deutlich gefährlicher zu sein, obwohl auch von dort Leute hochkommen. Für die 1200 Höhenmeter, die wir von unserem Basecamp noch hochsteigen müssen, benötigen wir knappe 5 Stunden. Oben angekommen bietet sich uns ein beeindruckender Blick über fast die gesamte Sierra Nevada. Neben des Genießens des Ausblicks scheint die Lieblingsbeschäftigung der ca. 10 anderen Personen dort oben, das Telefonieren zu sein. Mt Whitney ist nämlich der einzige Ort in den ganzen Sierras, der Handy-Empfang hat und besonders die PCT Hiker, die sich seit einigen Tagen ja nicht mehr zu Hause melden konnten, nutzen dies aus.
Der Tag nach der Whitney-Besteigung ist ein kurzer Tag für uns. Wir wollen nur 8 Meilen machen, damit wir kurz vor dem Forrester Pass campen können. So können wir den mit 4009 Meter höchsten Punkt des Trails (Mt Whitney war ja nur ein Sidetrip) früh am Morgen machen. Gegen Nachmittag wird der Schnee nämlich zu weich und man sinkt zu tief ein, als dass man noch anständig wandern könnte. Die 8 Meilen haben es aber in sich, wie wir entdecken müssen. Es geht fast die ganze Zeit über Schnee. Der Trail ist schwer zu finden und ständig muss man auf Meter hohe Schneeverwehungen klettern nur um gleich wieder auf der anderen Seite runter zu rutschen. Zusätzlich liegen auch noch drei angeschwollene Bäche auf unserem Weg, die wir durchqueren müssen. Alle drei gehen uns ca. bis zum Oberschenkel und fließen sehr schnell, aber jedesmal können wir eine sichere Stelle zum durchwaten finden, wo der Fluss breiter ist und langsamer fließt.Gegen 16:00 kommen wir schließlich erschöpft an unserer Campsite an, müssen aber noch ein bisschen suchen, bis wir geeignete schneefreie Stellen für unsere Zelte finden. Weil wir so früh angekommen sind, machen wir sogar ein Campfeuer, an dem wir unsere nassen Schuhe und Socken etwas trockener bekommen.
Forrester Pass ist knappe 5 Meilen von uns entfernt, die sind aber vollständig von Schnee bedeckt und es haben sich sogenannte ‚Sun Cups‘ gebildet. Die Schneefelder schmelzen in einer sehr eigenartigen Art und Weise ab, so dass sich tausende ungefähr 15 cm im Durchmesser große Löcher bilden, über die es unglaublich nervig und anstrengend zu laufen ist. Wir starten um 6:00 morgens Richtung Forrester Pass. So haben wir den Vormittag, um über den Pass zu kommen. Dann ist der Schnee nämlich noch hart und man rutscht nicht bei jedem Schritt in die Sun Cups hinein, sondern kann über sie hinweg balancieren. Nach zwei Stunden Marsch erreichen wir eine steile Eiswand, die nach oben zum Pass führt. Ein Trail ist nur 200 Meter über uns erkennbar, wo er aus dem Fels gesprengt wurde. Wir holen unsere Eisäxte heraus und machen uns an den eisigen Aufstieg. Unsere Microspikes geben uns zum Glück genug Halt, so dass wir die Eisäxte nicht benutzen müssen. Sobald wir uns einmal zum Trail hochgearbeitet haben, trennt uns nur noch eine steile Eisrinne vom Pass. Auch die ist aber nur halb so schlimm, wie wir uns es vor gestellt haben. Es gibt schon Stufen im Schnee und über die können wir die Rinne gefahrlos überqueren. Oben am Pass angekommen, genießen wir die Aussicht über das Tal, in das wir hinabsteigen werden, bevor wir uns an den spassigen Teil des Tages machen: Das Hinunterrutschen auf der anderen Seite. In unserer Truppe werden verschiedene Taktiken eingesetzt, um die maximale Geschwindigkeit zu erreichen. Fredi und ich benutzen unsere Isomatten kombiniert mit unseren Regenjacken, um möglichst geringe Reibung und gleichzeitig viel Polsterung zu haben. Spiker nimmt zieht seine Regenhose an, Pipes nimmt ihr Stück Tyvek und Andrew belässt es bei seiner Hose. Im Praxistest stellt sich die Isomatte ohne Regenjacke als das schnellste Transportmittel gen Tal heraus. Unten angekommen schlagen wir erschöpft aber zufrieden unser Camp auf.
Seit dem Aufstieg auf Mt Whitney haben wir nicht mehr als sechs Leute gesehen. Die Sierras sind einsamer, als alles was wir bisher gesehen haben. Auch die Anzahl der PCT Hiker ist dramatisch gesunken. Viele lassen die hohen Berge wegen dem vielem Schnee zunächst aus und springen entweder ganz nach vorne bis nach Kanada, um von dort den restlichen Trail in südlicher Richtung zu laufen, oder soweit bis die Sierras aufhören, um dann später zurückzukommen, wenn der Schnee geschmolzen ist.
An unserem siebten und letzten Tag dieser Etappe müssen wir nur noch 9 Meilen über den Kearsage Pass nach Independence. Diese Berge sind so abgelegen, dass der PCT selber keine Straßen kreuzt. Will man wieder zurück in die Zivilisation und sei es auch nur um neues Essen zu kaufen, muss über andere Pässe nach Osten wandern. Kearsage Pass stellt sich als besonders nervtötend raus. Auf der Ostseite ist der Schnee schon um 11:00 super weich und das Hinunterwandern ist mehr ein unkontrolliertes rutschen und stolpern. Um so froher sind wir, als wir endlich unten an dem Trailhead und der kleinen Strasse sind, die nach Independence führt. Die Sierras stellen sich definitiv als eine Nummer härter heraus als die Wüste.

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4 Antworten

  1. Martin sagt:

    Super spannend! Ihr habt Euch ja eine interessante + erfahrene Hikertruppe für die sierra zusammengesucht!

  2. Susanne sagt:

    Phantastisch! Großartig!! Congratulation!!! Toll, dass Ihr das geschafft hat!!!!

  3. Jörg sagt:

    Habe großen Respekt vor der Überquerung des forester pass bei den extremen schneebedingungen!

  4. Pascal Wolff sagt:

    Pascal hier – Gruss aus Bishop – schade dass Spiker nicht mehr bei euch ist. Wir sind euch auf den Fersen, wenn auch etwas langsamer. Dafür haben wir von Anfang an von der Hitzewelle profitieren können- kein Nachtfrost bisher (außer morgens auf Whitney) – unglaublich!
    Schönen Gruß auch an Andrew und Pipes.

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